Mein introvertiertes Kleinkind – wie kann ich es unterstützen?

Es ist nicht immer einfach, die Bedürfnisse eines introvertierten Kleinkindes zu erkennen. Was diesen Charakter ausmacht und wie du dein Kleinkind unterstützen kannst, liest du hier.

In der Regel wird alle elterliche Aufmerksamkeit den lauten, auffälligen und aktiven Kindern zugewandt. In der Kita finden Elterngespräche statt, die Welt versucht aktive Kinder verstehen zu lernen und unzählige Coaches werfen mit Tipps und Tricks um sich, um Lieschen nur etwas ruhiger zu bekommen.
Doch was ist eigentlich mit den stillen Kindern? Wessen Aufmerksamkeit können sie genießen?
Was introvertierte Kinder ausmacht, und wie du sie im Alltag liebevoll begleiten kannst, liest du in diesem Beitrag.

Mädchen streicht sich durch die lockigen Haare und lächelt schüchtern.
Foto: pixybay.com

Was ist denn hier los – Beispielsituation?

In meiner Arbeit mit Kindern habe ich einige, interessante und vor allem abwechslungsreiche Persönlichkeiten kennen lernen dürfen. Lange Zeit habe ich mich ebenfalls, absolut unbewusst, stark auf aktive und laute Kinder konzentriert. Doch irgendwann habe ich bemerkt, wer da noch dringend meine Zuwendung braucht…
Vielleicht ist dir solch eine Situation schon einmal aufgefallen:

Regungslos sitzt deine Tochter da, beobachtet die anderen Kinder und scheint mit ihrem kleinen Auto in der Hand etwas verloren. Ihre Blicke schweifen von rechts nach links. Ab und zu schaut sie zu dir herüber, scheint mit ihren Augen nach Hilfe zu suchen.
Du bist mit deiner Tochter schon öfter auf dem Spielplatz gewesen, doch spielen möchte die 2- jährige nicht wirklich. Sie lässt sich vermutlich bewegen, ein bisschen über den Spielplatz zu laufen und bei Aufforderung die Rutsche hoch zu klettern; oder bemüht sich, wenigstens bis zum Sandkasten zu wackeln – bleibt dann jedoch dort sitzen und schaut nur.
Sie beobachtet die anderen Kinder, wie sie miteinander in Kontakt treten, gemeinsam spielen und herum rennen. Spricht ein anderes Kind sie an, reagiert sie entweder gar nicht, oder schaut es nur kurz an, um sich dann wieder sich selbst zuzuwenden.

Kennst du es, wenn du schon ganz verzweifelt bist, weil deine Tochter nicht mit den anderen Kindern spielen möchte? Fühlst du dich in der Verantwortung, deiner Tochter den Spielplatz schmackhaft zu machen und sie zu motivieren, sich mit den anderen Kindern auseinander zu setzen?
Viele Fragen schwirren dir im Kopf herum: „Stimmt etwas mit meiner Tochter nicht? Geht es ihr nicht gut? Warum ist sie so anders als die anderen Kinder? Habe ich etwas falsch gemacht?..:“

Um dir sofort den Druck heraus zu nehmen: mit deiner Tochter stimmt alles!
Wir Erwachsenen gehen oft davon aus, dass Kinder auf Spielplätzen oder in Anwesenheit anderer Kinder automatisch fröhlich sind, es ihnen gut geht, sie herumtoben wollen und mit den anderen Kindern spielen.
Dabei vergessen wir, dass es bei Kindern genau wie bei Erwachsenen Charaktere gibt, welche die Anwesenheit (oftmals lauter oder stürmischer) anderer Kinder nicht unbedingt genießen!

Was für verschiedene Charaktere gibt es?

Natürlich ist es klar, dass jeder Mensch nicht zu 100% in eine Bezeichnung passt, jedoch sind gewisse Charaktereigenschaften, Bedürfnisse und Verhaltensweisen eher typisch für die Einteilung, die wir alle kennen: extrovertierte Menschen, introvertierte Menschen und ambivertierte Menschen.

Extrovertiert: Bedeutung laut Duden: Menschen sind aufgeschlossen und gesellig. Sie scheuen sich nicht vor neuen Kontakten, verhalten sich nach außen gerichtet, sind gesprächig und aktiv.

Introvertiert: Bedeutung laut Duden: Menschen sind nach innen gewandt, verschlossen und zurückhaltend. Sie gelten als Eingelgänger*innen, sind still und in sich gekehrt.

ambivertiert: Ambivertierte Menschen liegen charakterlich quasi genau in der Mitte zwischen Introvertiert und Extrovertiert. Sie können sowohl aktiv, redefreudig, offen und entschlossen sein, als auch in sich gekehrt, nachdenklich und still.

Ich möchte dir mit dieser kurzen Erklärung aufzeigen, dass jede dieser 3 Charaktertypen total normal und wissenschaftlich anerkannt sind. Solltest du dein Kleinkind also jetzt schon zu einem dieser Typen zuordnen können, dann ist das nichts schlimmes – im Gegenteil: du kannst du genauer mit den Bedürfnissen dieser Charaktere auseinander setzen und lernen, noch ein Stück intensiver auf dein Kleinkind einzugehen. Wir beschäftigen uns heute mit introvertierten Charakteren.

Was bedeutet introvertiert sein?

Es ist schon nicht so einfach, als erwachsene Person mit einem ganz eigenen Charaktertyp, das eigene Kind sachlich einzuschätzen. Vor allem, wenn der eigene Charakter sich von dem des Kindes stark unterscheidet. Oft kommen Fragen auf, warum denn ausgerechnet das eigene Kind so anders sei als die anderen; oder Witze, dass es vermutlich von einem anderen Stern sei, da die Eltern ganz anders drauf wären (solche Aussagen sind im übrigen überhaupt nicht witzig und können sowohl für das Kleinkind, als auch Eltern sehr einschneidend sein!).
Introvertierte Kinder sind weder krank, noch Aliens. Sie verhalten sich im Alltag eher ruhig, bedacht und halten sich lieber zurück, wenn es um Aktivitäten in der Gruppe oder neue Bekanntschaften geht. Manchmal erscheinen sie ernst oder distanziert. Es ist wichtig zu wissen, dass diese Distanz in keinster Weise abwertend gemeint ist, sondern introvertierten Kindern einen Raum gibt, um sich in Ruhe ein Bild von anwesenden Menschen oder der Situation zu machen.
Viele introvertierte Kinder reagieren auf äußere Einflüsse besonders empfindsam (wer hat nicht schon einmal die Bemerkung „Heulsuse“ oder „Weichei“ im Zusammenhang mit einem sensiblen Kind gehört), direkten Konflikten mit anderen Kindern gehen sie oftmals eher aus dem Weg oder geben in brenzligen Situationen schneller nach; wobei es mit introvertierten Kleinkinder meist selten zu solchen brenzligen Situationen kommt, da sie sich von vorneherein schon zurück ziehen.

Doch warum hat dein Kleinkind nun einen introvertierten Charakter?

Es ist zu einem großen Teil genetische Veranlagung, ob dein Kind eher extrovertiert oder introvertiert wird. Wissenschaftler*innen glauben, ca. 50% der Veranlagung ist auf die Eltern zurück zu führen. Das ist eine ganze Menge! Vielleicht ist es also doch gar nicht so abwegig, dass dein Kleinkind einen großen, introvertierten Teil in sich hat – vielleicht erkennst du ein paar Parallelen zu dir oder dem anderen Elternteil.
Doch natürlich machen alle Erfahrungen, die dein Kleinkind nach der Geburt bis ins Erwachsenenalter macht einen ebenso wichtigen Teil aus, wie sich sein Charakter formt. Wenn du also zum Beispiel eher kontaktfreudig bist, dein Kleinkind schon immer mit zu Treffen mit Freund*innen mitgenommen hast, dich gerne im Park mit Menschen unterhalten hast, welche sich über das kleine Wunder im Kinderwagen gefreut haben oder in sämtlichen Krabbel- Lese- Turngruppen Kontakte geknüpft hast, ist es sehr wahrscheinlich, dass dein Kleinkind ebenfalls offen für Kontakte ist. Das, was du (oder ihr als Eltern) deinem Kind vorlebst, lernt es kennen und wird es als gängige und sichere Verhaltensweise abspeichern: wenn Mama/ Papa das so machen, dann mach ich das auch so!
Natürlich kann es auch sein, dass beide Elternteile sehr sozial zugewandt sind, doch das Kind trotzdem einen eher introvertierten Charakter zeigt. Gene werden über viele Generationen weiter getragen, und auch gemachte Erfahrungen und Erlebnisse werden über die Gene in das neue Leben, also das Kind, übertragen. Wenn du dich also etwas mit deiner Familiengeschichte beschäftigst, kannst du eventuell schon eher Personen finden, die deinem Kleinkind heute charakterlich ähneln.

Einmal introvertiert – immer introvertiert?

Tatsächlich sind sich Psycholog*innen nicht mehr 100% einig: klar ist, dass ein Charaktertyp, und somit die sich entwickelnde Persönlichkeit, sich im Kindesalter formt. In Stein gemeißelt ist diese Persönlichkeit allerdings nicht. Immer mehr sind der Ansicht, dass sich der Charakter vor allem in der Pubertät, jedoch auch bis zum Ende der 20er Jahre noch formen und verändern kann.

Abgesehen davon, dass du dir generell keine Sorgen bezüglich deines introvertierten Kleinkindes machen solltest, ist das jedoch noch ein weiterer Punkt, erst einmal ruhig durchzuatmen: dein Kind wird vermutlich nicht auf alle still und zurückgezogen leben, sondern immer weitere Erfahrungen sammeln und den Charakter entsprechend noch etwas formen.

Doch Achtung: bitte versuch nicht, aktiv Einfluss auf die Charakter- oder Persönlichkeitsentwicklung deines Kindes zu haben! Dein Kind ist, wie es ist, und ist allemal liebens- und lebenswert. Es liegt nicht in deiner Hand, dein Kind diesbezüglich zu formen oder zu verändern. Vielmehr liegt es in deiner Hand, dein Kind entsprechend seines Charakters liebevoll anzunehmen, es zu unterstützen und durch sein leben zu begleiten.

Mutter küsst introvertiertes Kleinkind auf die Stirn
Foto: pixybay.com

Was macht dein introvertiertes Kleinkind aus?

Okay, die Erklärung unter 2. hilft dir vielleicht, dir ein allgemeines und grobes Bild von einem introvertierten Menschen zu machen. Hier habe ich ein paar Eigenschaften bzw. Verhaltensweisen gesammelt, an denen du beispielhaft erkennen kannst, dass dein Kleinkind einen introvertierten Charakter hat.
Dein Kind:

  • nimmt oft die beobachtende Rolle ein
  • nimmt scheinbar mehr in der Umgebung wahr als andere
  • meidet aufregende, stürmische Situationen
  • verhält sich still und desinteressiert in Anwesenheit energiegeladener Kinder
  • blüht in Einzelsituationen regelrecht auf, erzählt viel, ist mobil
  • beschäftigt sich gerne, konzentriert und ausdauernd alleine
  • ist sehr interessiert an der Stimmung der Menschen um sich herum (fast schon mitfühlend)
  • benötigt manchmal einige Zeit, bis es auf dich reagiert oder dir antwortet
  • neigt dazu, Gefühle für sich zu behalten (Emotionsausbrüche sind ein Fremdwort für dich)
  • spricht viel mit sich selbst
  • scheint sich unwohl oder einsam zu fühlen, wenn es mit vielen Menschen zusammen ist, die es nicht gut kennt
  • hat nicht das Bedürfnis, viele Freunde zu haben
  • braucht viel Zeit, um allein zu sein und fühlt sich wohl damit
  • vermeidet Augenkontakt oder frontal geführte Gespräche
  • mag es nicht, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen

Bitte bedenke natürlich: alles kann, nichts muss! Wenn dein Kleinkind gerne mit ihm bekannten Menschen spricht, heißt es nicht, dass es extrovertiert ist. Und nur, weil es doch mal den ein oder anderen kleinen Wutanfall hat, ist es deshalb nicht introvertiert.

Du bist Expert*in für dein Kind, weißt genau wie es sich verhält und kannst es am besten einschätzen! Und solltest du dir doch unsicher sein, oder dich nicht mit dem Gedanken wohl fühlen, dann schreib mir und ich begleite dich dabei.

Wie kannst du nun dein Kleinkind unterstützen?

Als aller erstes lege ich dir ans Herz: nimm dir selbst den Druck, dein Kleinkind zu kategorisieren. Nimm es an, ganz so wie es ist, auch wenn du dir eventuell das Zusammenleben etwas anders vorgestellt hast. Denn letztendlich ist es doch egal, welchen Charaktertyp es hat: Hauptsache, es fühlt sich wohl und ihr könnt gemeinsam die tollste Zeit erleben.

Damit es dir leichter fällt, dein Kind zu unterstützen, solltest du dich daran orientieren, welche Interessen es hat. Klingt vielleicht banal, jedoch verfallen wir Erwachsenen recht schnell dazu, unsere gut gemeinten Ideen und Interessen auf unser Kind zu übertragen, und dann vielleicht ein bisschen aus den Augen zu verlieren, was es wirklich möchte. Lies dir hierzu auch gerne meinen Beitrag zur bedürfnisorientierten Erziehung durch.

Finde also heraus, welche Art von Beschäftigung, bzw. welches Spiel dein Kleinkind bevorzugt. Lass es selbst wählen, ob und mit wem es spielen möchte. Vermeide, es zu Kontakten mit anderen Kindern (und auch Erwachsenen!) zu motivieren. Vertrau darauf, dass dein Kind schon einen recht guten Instinkt dafür hat, welcher Mensch eine intensivere Bezugsperson werden soll, und wer nicht.

Finde für eure Freizeitaktivitäten eine sichere Spielumgebung, in der sich dein Kind wohl fühlt und es sich frei entfalten kann. Ist der überfüllte Spielplatz nicht der richtige Ort, dann versuch es in einem Eltern- Kind Café oder bewegt euch gemeinsam in der freien Natur. Schlag deinem Kleinkind ruhig immer mal wieder eine Aktivität vor, die ihr so noch nicht gemacht habt, doch akzeptiere unbedingt, wenn es sich damit nicht wohl fühlt und lieber in der gewohnten Umgebung spielen möchte. Was sich für dich eventuell langweilig und unspektakulär anfühlt, kann für dein Kleinkind ein absoluter safe space sein.

Seid ihr gemeinsam an Orten unterwegs, oder mit Menschen zusammen, die dein Kind nicht oder nicht gut kennt, gib ihm die Zeit die es benötigt, um sich an die neue Umgebung und Eindrücke zu gewöhnen. Bitte die Menschen in deinem Umfeld ebenfalls darum, deinem Kind diese Zeit zu geben und davon abzusehen, es aus Mamas Armen locken zu wollen. Hier ist auch die Eingewöhnung in einer Kindertagesbetreuung zu beachten: schaufle dir so viel Zeit frei, dass du entspannt und ohne Druck dein Kind eingewöhnen kannst.

Vermeide es, dein Kleinkind zur Aktivität überreden zu wollen. Erinnere dich, was ich im Abschnitt 3.1 geschrieben habe: dein Kleinkind lernt durch Nachahmung. Du kannst es also motivieren, indem du selbst aktiv wirst und es beim Spiel begleitest.

Hör deinem Kleinkind zu. Achte darauf, wann es sich unwohl fühlt oder deine Hilfe benötigt, und hole es aus der unschönen Situation heraus. Wenn es von vielen neuen Eindrücken überrannt wird, benötigt es ausreichend Zeit, um diese für sich verarbeiten zu können. Das bestärkt es, weil es von dir gehört und verstanden wird.

Und zu guter Letzt: vermeide, dein Kleinkind mit anderen Kindern zu vergleichen („Hänschen macht xy so toll.“). Solche Vergleiche erzeugen ein Gefühl von Versagen. Dein Kleinkind fühlt sich unzureichend und wird einem Leistungsstress ausgesetzt, den es nicht erfüllen kann. Besser ist es, Aussagen zu anderen Kindern wertfrei zu treffen („Hänschen macht xy, du machst yz.“)

Du siehst also: introvertierte Kleinkinder benötigen ebenso Aufmerksamkeit; nur etwas anders. Es ist wichtig, sie auf dem Schirm zu haben und zu vermeiden, dass sie als gut hörende und ruhige Kinder vergessen werden.

Hab keine Angst davor, deinem Kind nicht gerecht zu werden. Mit den Tipps aus diesem Beitrag kannst du sehr viel dazu beitragen, dass sich dein Kleinkind verstanden und aufgehoben fühlt!

Alles Gute für euch,
Juliane

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